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COMMON GROUNDS

          „Du liebst eine Stadt nicht, wegen ihrer sieben oder siebenundsiebzig Wunder,

sondern weil sie eine Antwort auf eine deiner Fragen hat.“

– Italo Calvino

Öffentliche Räume zu entwerfen ist eine besondere Herausforderung. Der bauliche Maßstab, die Zahl und die Vielfalt der NutzerInnen machen es für uns zu einer der spannendsten Aufgaben der Architektur.

Denn gerade große Flächen und große Gebäude verlangen nach gestalterischer Feinheit im Detail.

Die vielen NutzerInnen, von denen wir die meisten nie kennenlernen werden, erwarten sich einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer direkten Umwelt.

Anhand von zwei Wettbewerbsbeiträgen möchten wir zeigen, was wir darunter verstehen.

Aus dem Fahrwasser ins Kehrwasser

Beim Wettbewerb für die Neugestaltung des Vorplatzes des Ulmer Hauptbahnhofs wurden wir mir einem Ausschreibungstext konfroniert, der voll war von technischen Anforderungen und erwarteten Verkehrsfunktionen. Ein genau vorgegebener Verlauf der Straßen, Taxistände und Radwege, sowie die exakte Festlegung von Aufzügen und Treppenanlagen zur Erschließung der Tiefgarage unter dem Platz.

Fragen nach räumlichen und sozialen Qualitäten wurden in der Auslobung so gut wie keine gestellt. Lediglich „Aufenthaltsqualität“ wurde als Gestaltungskriterium für den neuen Platz erwähnt, jedoch nicht näher beschrieben.

In unserem Wettbewerbsbeitrag haben wir uns daher auf die nicht vorgegebenen und vielleicht nicht vorhersehbaren Funktionen und Nutzungen konzentriert, die wir auf einem Bahnhofsvorplatz vermuten, den täglich bis zu 60.000 Menschen benutzen.

Statt auf Bodenbeläge oder öffentliche Möblierung konzentrierten wir uns darauf Raumsituationen mit unterschiedlichen Qualitäten zu formulieren.

Als wesentliches Gestaltungselement entwickelten wir dazu die Faltung und Aufkantung der Platzoberfläche.

Ein abwechselnd orientierter Geländesprung von 30cm Höhe durchzieht den Platz und wird dabei nur dort unterbrochen wo barrierefreie Übergänge entstehen. Eine Art überhöhter Bordstein, der nicht zur Trennung verschiedener Verkehrsteilnehmer dient, sondern vielmehr Bereiche verschiedener Aktivitäten definiert.

Subtil entstehen so Ruhebereiche, ein Taxi-Drop-Off, Fahrradstellplätze oder der Eingang in die Parkgarage.

Dabei ist die Kante sowohl Übergang, als auch Begrenzung. Ihre Höhe ist zu überwinden und lädt zugleich als Bank zum Aufenthalt ein. Sie integriert verschiedene technische Aufgaben wie Platzentwässerung oder Beleuchtung und erweitert sich Stellenweise durch Balustraden Trittstufen oder Handläufe.

Dieser besondere, ‚topografische‘ Umgang mit dem Bahnhofsvorplatz erlaubt es die typisch funktionalistische Stadtmöblierung zu reduzieren. Der Platz bleibt so offen für eine Vielfalt städtischer Programme, langfristige oder spontane, vorbestimmte oder unverhoffte.

Ein Platz, eine Bühne

Das Entwurfskonzept für die Gestaltung der Platzoberfläche der Piazza della Scala in Mailand folgt der Idee eines zugänglichen und ebenen Platzes. Unsere Gestaltung hat dabei das Ziel im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Verkehrsarten zu vermitteln. Weniger durch klassische Verkehrsleittechnik, als durch die Möglichkeit erhöhter gegenseitiger Aufmerksamtkeit und Rücksicht.

Sie soll es ermöglichen den Platz zu Fuß zu überqueren ohne dabei „über eine Straße gehen“ zu müssen.

Struktur

Bestimmendes Material der als Mosaik gepflasterten Platzoberfläche ist polierter, italienischer Porphyr in seinen typischen, Rotschattierungen. Ergänzende weiße und schwarze Granitsteine erzeugen Verläufe von hell zu dunkel, von langsamem Fußverkehr zu schnellem, motorisierten Verkehr.

Durchlässige Barrieren

In Abständen von 3m leiten erleuchtete Poller den motorisierten Verkehr über den Platz während Fußgänger den gemeinsam genutzten Platz frei durchwegen können.

Orientierung

Die neue Piazza della Scala wird gerahmt durch eine in der Mitte ansteigende Stufe von max. 40cm und öffnet so mit geringen Mitteln eine neue großzügige Platzmitte. Die Stufe kann an den meisten Stellen leicht überschritten werden und bietet zugleich Sitzgelegenheit und Tribüne für das Geschehen auf dem Platz. Die freie Neuanordnung der historischen Laternen und des da-Vinci-Denkmals stärkt das Gefühl einer geöffneten Platzmitte, welche für temporäre und gelegentliche Nutzungen adaptiert werden kann. Öffentliche Veranstaltungen und Konzerte, Tanzfläche und Vestibül der Scala.

Programm

In das Platzmosaik integrierte LED-Lampen leuchten am Abend in verschiedensten Licht- und Farbkonstellationen. Sie betonen die kulturellen Hot Spots des Platzes wie die Galeria Vittorio Emanuele II,  das Teatro della Scala oder den Palazzo Marino.

Auf diese Weise wird der Platz von seinem prominenten Umfeld aus zum leuchten gebracht und als Vorplatz des kulturellen Zentrums von Mailand sichtbar.

Entwurf von Möglichkeiten

Beide Entwürfen sind weniger Ausdruck eines bestimmten formalen Repertoires, sondern Ergebnis unserer grundlegenden Haltung zum Architekturentwurf.

Gestaltung von Räumen ist für uns weniger eine Frage danach wie etwas auszusehen hat oder welche Sprache eine Form spricht. Sondern zuerst danach, für wen wir gestalten und was Menschen in den von uns entworfenen Räumen tun können. Dabei spielt es keine große Rolle ob es um öffentliche oder um private Räume geht. Eine Bushaltestelle etwa unterscheidet sich von einem Wohnzimmer in erster Linie durch die Handlungsmöglichkeiten die sie eröffnen soll.  Erst im nächsten Schritt lassen sich daraus Raumanordnung, Materialität, etc. entwickeln. Architektonischen und städtebaulichen Aufgaben stellen wir uns in dieser Reihenfolge, sodass unser Raumentwurf immer auch ein Entwurf von Möglichkeiten ist.

Welche Möglichkeiten kann und soll der öffentliche Raum eröffnen? Und für wen eigentlich? Dies sind im Kern politische Fragen. Für ALLCOLOURS sind sie zugleich Kernfragen unserer Architektur.